Haben die Atheisten, Agnostiker und Deisten eine Moral?



Hinweis: ich habe hier eine ergänzende Antwort geschrieben (zur Zeit nur auf französisch). Ich weise auch darauf hin, dass ich oft insbesondere das evangelikale Christentum und den orthodoxen Islam meine, wenn ich von "Christentum" und "Islam" spreche. Seitdem diese Seite geschrieben wurde, hat sich meine Meinung einigermassen geändert: hier clicken, um mehr darüber zu wissen. Diese Seite lasse ich aber zur Zeit unverändert.


Nach einigen Gläubigen sei es unmöglich, eine Moral ohne Religion zu definieren: es gäbe nur neutrale, relative Handlungen (weder gut noch schlecht) nach der atheistischen Philosophie. Der Atheismus, der Agnostizismus, und der Deismus könnten also nur zum Chaos führen, da diese Lehren die Bibel (bzw. den Korans oder irgendein "heiliges Buch") nicht als das unfehlbare Wort Gottes betrachten. Die Ungläubigen hätten also keine Regeln der Ethik, keine moralische Pflicht, keine Referenz. Das würde zur Katastrophe führen, weil diese Ungläubigen ohne Moral Keine Angst hätten, die schlimmsten Taten zu begehen.

Meine Meinung darüber: in unseren menschlichen Beziehungen sind unsere Handlungen nicht immer neutral. Manche können weh tun, verletzen, schaden. Aber andere können sich positiv auswirken, gut tun. Meistens leuchtet der Unterschied zwischen "gut" und "böse" ein, aber zwar nicht immer. Die menschliche Moral ist nicht vollkommen, und sie verändert sich mit der Zeit. Aber wir haben keine andere Wahl, als damit zu leben. Wer kann eine vollkommene Moral vorschlagen? Aber die Entwicklung der menschlichen Moral scheint in die gute Richtung zu gehen. Wenn man Texte über die früheren Gewohnheiten und Sitten liest, wird man verblüfft. Zum Glück verfügten die Menschen damals nicht über die selbe Technik wie heute! Wenn man zum Beispiel das alte Testament der Bibel liest, sieht man, dass die Leute beim Massakrieren von ganzen Völkern ein gutes Gewissen hatten. Einen Ausländer damals töten war das gleiche wie ein Moskito oder eine Spinne heute töten. Das menschliche Leben schien nicht besonders viel Wert zu haben.

Zum Beispiel befiehlt Moses in der Thora, alle Madianiten zu vernichten, wegen dem Übel, das sie den Israeliten angetan haben. Er sagt, er spräche im Name Gottes. Was ist passiert? Manche Israeliten sind mit madianitischen Frauen gegangen. "Gott" habe Tausende von Israeliten durch eine Krankheit sterben lassen, um sie zu bestrafen. Darin bestehe das Übel, das die Madaniten den Israeliten angetan hätten. Es gibt noch zum Beispiel Samsons Geschichte im Buch der Richter. Einmal stellt er Philistinen eine Frage, wenn diese die Antwort finden, muss Samson ihnen 30 Hemde schenken. Und sie finden die Antwort. Dann heißt es in der Bibel: "Gottes Geist bemächtigte sich Samsons", dann geht er nach Ascalon, dort tötet er 30 Philistinen, um ihr Hemd zu nehmen und den Gewinnern schenken. Im Rahmen der Eroberung von Kanaan werden ganze Völker vernichtet, damit die Israeliten ihren Platz einnehmen. Solche Taten waren häufig zu dieser Zeit. Und es seien angeblich Befehle Gottes (oder der Götzen, je nach Volk). Zum Glück waren die Völker damals nicht so groß wie heute, und die Leute verfügten nicht über die selben technischen Mittel als heute.

Genau so werden wir vielleicht einmal selbst für Nazis und Kannibalen gelten, weil wir Tiere töten, entweder um sie zu essen (wieso? Ein Lebewesen essen?), oder aus einem anderen Grund (zum Beispiel weil wir eine ruhige Nacht ohne Moskitos verbringen wollen). Wer weiß? Gibt es eine so absolute Grenze zwischen dem Menschen und dem Tier? Die Tiere sind keine Robote. Sie empfinden Zärtlichkeit, jedes hat seine eigene Persönlichkeit, sie können auch psychologische Probleme haben, wenn etwas schlimmes ihnen passierte. Einmal hätten Delphinen angefangen, einen Kreis um Schwimmer im Ozean zu beschreiben. Danach seien Haie gekommen, aber sie konnten dank dem Schutz der Delphinen die Menschen nicht erreichen. Es scheint, dass einige Tiere nach unseren Kriterien (die nicht absolut sind) viel kluger sind als wir denken. Vielleicht werden wir einmal mit ihnen kommunizieren können? Ihre Sprachen haben bestimmt ganz andere Logiken als unsere. Aber heutzutage hat das Leben von einem Tier nicht viel Wert. Vielleicht wird es sich in der Zukunft mit der Entwicklung der Werte verändern, vielleicht wird auch das Essen von Tieren als schrecklich empfunden werden?

Die menschliche Moral ist unvollkommen, und sie entwickelt sich mit der Zeit. Es scheint, dass sie in einer Skala von 1000 Jahren besser wird, also geht es sehr langsam. Sie ist auch nicht absolut: es kann sein, dass etwas als Übel für jemand gilt, aber als Gut für eine andere Person, und umgekehrt. Gibt es eine göttliche Moral, die vollkommen ist und die als Referenz benutzt werden kann? Erstens gibt es so viele Religionen wie Menschen. Es gibt mehrere große Religionen, die in viele Sekten unterteilt sind, und in diesen Sekten gibt es noch mehrere Meinungen, in der Regel können die Texte verschiedenerweise interpretiert werden. Es gibt auch keine Einheit in der "göttlichen" Moral. Auch keine absolute Moral in der Religion. Bei der Definition von einer vollkommenen Moral, vom perfekten Vorbild, scheitert die Religion auch. Man sieht in der Bibel, dass sich die "göttliche" Moral mit der Zeit verändert. Auch wenn man glaubt, dass man nach Gottes Moral lebt, verfügt man noch immer über ein unvollkommenes, unabsolutes und unewiges System. Viele Leute glauben, nach Gottes Moral zu leben, aber sie haben nicht alle die selbe Definition für diese Moral, sie sind nicht darin einig, was gut oder schlecht ist. Die einzelnen "göttlichen" Moralsysteme sind nicht unfehlbar, und entsprechen der globalen Entwicklung der Ethik. Wie könnten wir die Moral der Schriftsteller der Thora schätzen? Von den heutigen Kriterien her gesehen, waren sind schreckliche Verbrecher wie die Nazis. Aber damals war das die "Norm". Die islamische Moral entspricht der der Araber des VI. Jahrhunderts, und nach den heutigen Kriterien ist sie eine Katastrophe.

Wir finden "Gottes Handlungen" in der Bibel manchmal unmoralisch. Manche Christen behaupten, es sei nicht unmoralisch, weil es unmöglich sei, eine Moral außer Gott zu definieren. Da er die einzige mögliche Definition der Moral sei, seien seine Handlungen per Definition moralisch. Die Moslems behaupten das gleiche mit Mohammed, dessen Handlungen natürlich islamisch perfekt sind, da er die Definition der islamischen Perfektion ist! Aber Fakt ist, dass vieles über "Gott" (oder die Götzen) nicht unserer Vernunft passt. Das beweist, dass wir selbst unsere eigene Meinung über das was gerecht oder ungerecht ist haben, unabhängig davon, was von der Religion und angeblich von "Gott" kommt. Kann man sich vorstellen, dass Gott befiehlt, ein ganzes Volk zu vernichten, weil Männer des "gewählten Volkes" mit einigen von seinen Frauen geschlafen haben? Oder dass ein Mann des "gewählten Volkes" mit Gottes Hilfe Menschen von einem anderen Volk tötet, weil er kein Geld verlieren will, obwohl er eine Wette verloren hat? Oder dass Gott Menschen geopfert werden, damit er Rücksicht auf einen Antrag nimmt? Ich denke, alle sind darin einig, dass diese Sachen grotesk und ungerecht sind. Man kann nicht ohne Schande behaupten, dass diese Handlungen moralisch sind, weil Gott die einzige mögliche Definition der Moral ist. Dieses Gefühl der Ungerechtigkeit "Gottes" Handlungen gegenüber zeigt im Gegenteil, dass wir ein Moralsystem in uns haben, das unabhängig davon ist, was uns als "göttlich" vorgestellt wurde.

das Problem ist: was uns als göttlich vorgestellt wird, ist oft mehrere Jahrhunderte oder Jahrtausende zu spät für unsere moderne Welt. Und doch gilt das als Gottes unfehlbares Wort, das nie abgeschafft werden kann. Deshalb ist es gefährlich, seine eigene Meinung für Gottes ewige Wort auszugeben. So zwingt man den nächsten Generationen seine eigene menschliche Weltanschauung auf, die natürlich Fortschritte gemacht hätten. Wir kennen kein Moralsystem, das perfekt und ewig ist, wir kennen auch keines, das göttlich ist. Jeder lebt nach einem rein menschlichen System. Aber die Ungläubige dürfen ihre Vernunft, ihre Erfahrung, anwenden, um ihre Moral zu entwickeln. Sie dürfen auch die einzelnen Meinungen vergleichen, sich das beste auswählen, um Ratschläge bitten, einen Teil von ihrer Ethik wieder in Frage stellen, wenn sie glauben, dass sie sich getäuscht haben, und dass sie jetzt mehr Erfahrung haben. Den Ungläubigen sind auch die Grenzen und der Relativität ihrer Moral bewusst (in der Regel...). Die Anhänger von Pflichtglaube-Religionen (wie das evangelische Christentum oder der orthodoxe Islam) zwingen sich ein Moralsystem auf, das mehrere Jahrhunderte oder Jahrtausende alt ist, sie stellen sich vor, dass es für die Ewigkeit gültig ist. Dieses System ist sowohl unvollkommen, als auch überholt, und wegen der in dieser Zeit gemachten Fortschritte unmoralisch. So können diese Moralsysteme Massenmörder, Diskriminierungen, Verfolgungen, und alle Arten von Scheußlichkeiten und Dummheiten rechtfertigen, während der gesunde Menschenverstand all diese Sachen ablehnen lassen. Aber nach diesen Religionen kommt es gar nicht in Frage, diese Moral einmal in Frage zu stellen (es sei denn, der text ist unklar und mehrere Interpretationen sind möglich). Das würde bedeuten, dass man nicht mehr glaubt. Alle irgendwo widersprüchliche Moral ist zu verwerfen. Die Vernunft kann nicht benutzt werden, weil sie fehlbar ist, während Gott unfehlbar ist. Den Anhängern solcher Religionen sind die Grenzen und die Relativität ihrer Moral nicht bewusst: sie dürfen das auch nicht erkennen, sonst bedeutet das, dass sie ihren Glauben verloren haben.

Wir haben gesehen, dass es möglich ist, eine Moral außer Gott zu definieren, und dass es auch eine Pflicht ist, da wir keine andere Wahl haben. Jetzt geht es um etwas anderes: die Ungläubigen haben keine Angst vor der Hölle. Warum würden sie das Gute tun, wenn sie keine Belohnung hoffen und keine Strafe nach dem Tod befürchten? Da soll man zwischen den einzelnen Arten von Ungläubigen unterscheiden. Die Deisten und Agnostiker glauben an ein eventuelles Urteil nach dem Tod. Aber sie glauben nicht, durch die uralten Kriterien mancher Religionen beurteilt zu werden, sondern durch die Kriterien von ihrem eigenen Bewusstsein. Für einen evangelischen Christ gibt es nur eine Möglichkeit, den Flammen der Hölle zu entgehen: er muss glauben, dass Jesus für ihn am Kreuz gestorben ist, dann wiederauferstanden ist. Er darf diese Überzeugung nicht verlieren. Der Muslim muss auch an seinem Glauben festhalten, und seiner Religion so sorgfältig wie möglich folgen. Für den Deisten und den Agnostiker sind diese Sachen vergeblich. Er wird sein bestes anhand seiner eigenen Ethik machen, ohne aus den Augen zu verlieren, dass seine Moral weder perfekt noch absolut ist. Er weiß, dass er für seine Handlungen beurteilt werden kann, aber er ist nicht sicher. Das Konkrete ist heute und hier. Also lebt der Agnostiker oder der Deist nicht mit der Angst von einer Strafe, aber sein Verstand lässt ihn sein bestes tun. Der Atheist glaubt nicht an die Existenz einer Strafe nach dem Tod. Aber er fühlt sich in Bezug auf das von ihm entwickelte Moralsystem ihm gegenüber verantwortlich. Das wichtige ist ausgerechnet diese Moral, die er entwickelt hat. Und als Mensch ist er so fähig wie die anderen, es zu tun.

Die Gläubigen von Pflichtglaube-Religionen unterliegen der Möhre und dem Stock, ich denke nicht, das diese Art gesund ist. Dazu ist ihr Moralsystem sowohl nicht perfekt (obwohl sie es glauben), als auch oft überholt. Manchmal ist der Gläubige gezwungen, Scheußlichkeiten zu machen, die der Ungläubige, der seine Vernunft benutzt, nicht gemacht hätte. In den Religionen haben wir eine Kraftbeziehung des Menschen seinem Gott (bzw. seinen Götzen) gegenüber. das Gesetzt des Stärksten... Ein bisschen wie Petain in Frankreich im 2. Weltkrieg. Hitler war nicht besonders moralisch, aber er war der stärkste, also musste man ihm gehorchen, wenn man keine Risiken eingehen wollte. Ist das die Moral? Die Ungläubigen handeln aus Verantwortung sich selbst gegenüber. Ich meine, diese Methode soll man fördern. Nicht lügen, in dem man für göttlich ausgibt, was menschlich ist. Keine Möhre, kein Stock, sondern die Leute verantwortlich machen, und an die Entwicklung einer Moral arbeiten, die die Selbstentwicklung von allen fördert.

Zum Schluss: die menschliche Moral ist weder perfekt noch absolut, sie scheint mit der Zeit Fortschritte zu machen. Man muss damit leben: wir verfügen über kein vollkommenes göttliches Moralsystem. Im Gegenteil: es ist gefährlich, so ein System als "göttlich" zu betrachten. Dazu sind die Kraftbeziehung zwischen Gott und dem Menschen und der Prinzip der Möhre und des Stockes nicht gesund. Am besten macht man die Leute sich gegenüber verantwortlich. Am besten verneint man nicht die Möglichkeit eines Urteils nach dem Tod, aber macht man nicht das Gute in dieser Hinsicht, aus Opportunismus.



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